stasi kind 1961

22.11.2013


22.11.2013

LESEPROBE

meines Buches

"Von A bis S-tasi über Z"

(in Arbeit)        

<<<< die Fotos einfach anklicken, dann vergrößern sie sich

22.11.13

LESEPROBE

meines Buches "Von A bis S-tasi über Z" (in Arbeit)                                                 

 

Danksagung

Ich möchte ich bei meinen beiden Söhnen bedanken.

Dieses Buch widme ich Euch, in der Hoffnung, dass Ihr noch mehr versteht….

Danke, dass Ihr all das die Jahre über ausgehalten und mit getragen habt.

Danke, dass Ihr meine Söhne seid.

Ich liebe Euch. Eure Mutter

Mein Dank gilt auch Lutz, ein Fotograf aus Berlin, der mich mit  Ruth, aus Hamburg, bekannt machte, die ein Bucdh über Stasi Kinder geschrieben hat und in Zusammenarbeit mit mir einen Kurzbericht über meine Kindheit im „STERN“ veröffentlichte.

Mein Dank gilt auch all jenen, die mich darin bestärkt haben, meine Lebensgeschichte zu veröffentlichen und mir stets Mut zu sprachen. Speziell danke ich Dir Knut. Du hast immer an mich geglaubt.

 

 Einleitung

Ich habe mich oft gefragt, ob ich, als Stasi-Kind, alleine auf dieser Welt, mit all den Problemen, bin. Wo sind denn all die Stasi-Kinder nach dem Fall der Mauer geblieben? Dass es sie gibt, war/ist mir klar. Gleichzeitig fragte ich mich immer, ob sie die gleiche „Erziehung“ über sich ergehen lassen mussten oder ob es nur mir alleine so ginge. Vielleicht bin ja ich das Problem und nicht die Anderen? Diese Zweifel ließen mich lange nicht los. Die Schuldgefühle erst recht nicht. Gut, letztere bin ich, dank meiner Psychotherapien, los geworden, was ja schon an sich ein harter Kampf war, denn sie waren größer als ich, jene schweren Steine, die nicht nur meinen Weg säumten, sondern auch mitten auf selbigen lagen und die ich mir vornahm wegzuräumen, ohne jemals, also vor der Beginn der Therapie, zu wissen, dass sich dahinter noch größere, noch spitzere Steine, gar Felsen, nein, ich untertreibe (!), ganze Gebirge an Problemen, Erinnerungen, Gefühlsausbrüchen bis hin zur Fast-Alkoholikerin verbargen. Dazu später mehr

Ich schreibe dieses Buch nicht nur für meine Söhne, sondern auch für all die Stasi-Kinder da draußen. Es gibt uns. Das kann keiner leugnen und wir werden bis zu unserem Tode an den Traumata zu knappern haben. Wir alle können noch so viele Therapien machen, aber die seelische Folter der Stasi können und werden wir nicht vergessen, zu tief sitzen die Anker. Dank der Therapien kann ich heute anders damit umgehen, sodass ich keine Suizidgedanken mehr und nicht mehr saufe!

Mir tut die Enkelkinder-Generation, dieser Stasi-Eltern leid, die ja auch in die Probleme involviert sind, ob sie das nun wollen oder nicht. Koste es, was es wolle; zu ihrem Leidwesen. Die einen leiden mehr, die anderen weniger, ganz nach Gusto der Stasi-Eltern-Generation. Es liegt also an unserer Generation, dass zumindest die Enkelkinder einigermaßen psychisch gesund aus der Sache rauskommen. Ich werde sehen und bin gespannt, wie das mit der Ur-Enkel-Generation sein wird, denn noch sind meine Enkel zu klein, um zu verstehen, wieso Uroma und Uropa so sind, wie sie sind. Fakt ist: auch sie beginnen schon Fragen zu stellen.

 
 
Sommer 1978, ich war zum ersten Mal verliebt, ein Grenzer, der passte ja, zum Glück, kaderpolitisch in unsere Stasi-Familie, weil sein Vater Polizist war. Dies recherchierte natürlich mein Stiefvater. Ich wusste bis zu dem Zeitpunkt nicht, dass meine Familie STASI war. Wäre die Weste vom Fred nicht weiß gewesen, also wenn er Westverwandtschaft gehabt hätte, hätte ich den Kontakt zu ihm abbrechen müssen oder ich wäre ins Heim gesteckt worden und hätte mich von meiner Familie lossagen müssen.
Also meine Hölle begann so richtig heftig im Sommer 78! Ich war 17!!
Bis dahin glaubte ich mich also in einer weitestgehend normalen Familie zu befinden, wobei mir schon etliche Ungereimtheiten auffielen…. Antworten auf Fragen gab es ja eh nie… Wen hätte ich denn Fragen sollen. Um uns herum wohnten alles nur STAATSDIENER, der ganze Eingang, in dem wir wohnten, STAATSDIENER! Stasi.
Was war geschehen?
Meine Mutter erhielt von ihrem Betrieb, einem Spielzeugwarenbetrieb, im Sommer 78 eine Auszeichnungsreise nach Leningrad. Sie hatte ihr Marxistisch-Leninistisches Lehrjahr bestanden, was zum großen Teil eh nur VATI für sie schrieb, da sie große Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben hatte; gut, sie war ein Kriegskind… Sie sollte für die Stasi arbeiten (das erfuhr ich später, woraus dann wohl nichts wurde), also musste sie Parteimitglied werden und um zu ihrem politisch korrekten Mann standesgemäß zu passen, musste sie sich angleichen und so kam es zu diesem einen Jahr. Grausam!
Da meine Mutter nicht alleine die Reise nach Russland antreten wollte, begleitete mein Stiefvater sie und bezahlte die Reise aus eigener Tasche. Ein Klacks für ihn, bei einem Jahreseinkommen von 40.000 DDR-Mark, der Durchschnittsbürger verdiente zwischen 600-800 DDR-Mark.
Nun waren mein Bruder und ich alleine du das Schicksal nahm einen Lauf.
Die Eltern also weit weg in Russland, schaute ich ganz mutig und mit zittrigen Händen in die silberne, metallene, Schatulle, vor der mich meine Mutter immer warte niemals herein zu sehen. Ich tat es! Ich hatte Angst! Große Angst! Aber 16 Jahre Neugier trieben mich förmlich dazu. Ich konnte den Inhalt kaum festhalten, so sehr zitterte ich. Dann stieß ich auf meine Geburtsurkunde und ich begriff nicht, wer dieser fremde Mann war, der dort unter „Vater“ eingetragen war. Klaus-Dieter? Wer ist das? Ich las weiter und begriff den Satz nicht „das Kind hat mit heutigen Datum, an Kindes statt, den Namen „Mayer“ angenommen“. Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Die Hände zitterten und obwohl die Eltern weit weg waren, fühlte ich mich von ihnen beobachtet, so groß war meine Angst, sie würden nach der Reise etwas merken. Ich schrieb mir diesen „komischen“ Satz auf einen Zettel, legte die Geburtsurkunde fein säuberlich zurück in die Schatulle. achtete darauf, dass der Zettel auch haargenau so lag, wie ich ihn vorfand, um mich bloß nicht zu verraten. Gleichsam stelle ich die Schatulle hinter das Glas der Vitrine. Dann fuhr ich sofort zu meiner Freundin; es war später Nachmittag. Wir waren im gleichen Lehrjahr und da ich wusste, dass sie mit einem Stiefvater aufwuchs, glaubte ich mich bei ihr an richtiger Stelle. Sie erklärte mir also die Bedeutung dieses Satzes und ich wollte all das nicht glauben und wahr haben. Ich fuhr mit dem Bus völlig verstört nach Hause, legte mich hin und vergaß völlig, dass ich den Notizzettel auf den Couchtisch liegen ließ. Am nächsten Tag fuhr ich wieder zu meiner Freundin, denn ich hatte noch starken Redebedarf. Als ich wieder nach Hause kam, war ich aufs extremste  geschockt. In mir zog sich alles zusammen. Mir wurde heiß und kalt. Ich hatte den Zettel vergessen! Mir wurde kotzübel. Überall in mir nur Angst. Ich sah mich schon in einem Kinderheim. So ein Misst! Meine Eltern waren zwei Tage früher aus Russland zurück! Sie saßen äußerst  angespannt auf dem Sofa, meine Mutter hielt meinen Notizzettel in der Hand. Ihre wutentbrannten Augen durbohrten mich. Wie so oft, setzte sie diesen Blick auf, um ihr gar erbostes Entsetzen Ausdruck zu verliehen und sie flößte mir damit große Angst ein und so hatte ich stets größten Respekt vor ihr. Man musste bei ihr immer auf der Hut sein. So wie Katzen Besitzer die Mimik ihrer Katzen studierten, so studierte ich die meiner Mutter. Zu meinem eigenen Schutze oder um auf der Hut zu sein und dann entsprechend reagieren zu können. All das machte ich innerlich, mit ganz alleine ab.
Mein Stiefvater redete zuerst. Seine Körpersprache verriet mir nichts Gutes. Er saß sehr geknickt im Sessel. Irgendwie tat er mir sogar in dem Moment leid. Er hatte etwas Sorgenvolles und sanftes in dem Moment an sich. Heute kann ich die Körpersprache deuten: Wie sage ich es meinem Kinde. Damals verstand ich natürlich nichts, außer, dass man mich bei meinem Schnüffel-Verbrechen erwischte und harte Sanktionen auf mich zukommen könnten.
Mein Stiefvater/Vater sagte mir, dass wir einen Spaziergang zur Garage machen würden. Das taten wir öfter mal. Auf dem Weg dorthin, erzählte er mir, dass er nicht mein leiblicher Vater sein, sondern sein Stiefvater. SCHOCK pur. Absoluter, unendlicher, unbeschreiblicher, stechender  Schock. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, er wird mir immer ein Vater sein. Mir riss es den Boden unter den Füßen weg. Er sprach weiter: Da gibt es aber noch etwas. Moment einmal, ich bin doch gerade am Fallen und da gibt es noch was, denke ich. Ich reiße die Augen weit auf und sehe ihn mit einem staunenden Blick an, während ich die Augenbrauen hochziehe und meine Verwunderung kaum zurück halten kann.  Angst durchbohrt mich und ich stelle mir die Frage: Kann es noch etwas Schlimmeres geben JA! ES KANN! Er spricht weiter: Nun ja, ich bin gar nicht Offizier bei den Grenztruppen, sondern ich arbeite bei der Stasi. Ich hatte damals nur eine leise Ahnung, was Stasi bedeutet, schlimmer war für mich der Betrug bzw. die Grenztruppen-Lüge, hatten mein Bruder und ich ihm doch immer am 1.12., zum Tag der Grenztruppen der DDR, ein Gemeinschaftsgeschenk gekauft. Auch all das war Lüge. Wir sind also all die Jahre umsonst los und haben uns Gedanken über ein Geschenk für VATI gemacht? Wir haben uns all die Jahre umsonst die Köpfe heiß diskutiert, was wir gemeinsam kaufen. Es hat manchmal Tage gedauert, bis wir Geschwister uns einigen konnten. All das für seine Lüge? Er grinste. Er grinste einfach nur, als ob er sich freute, wie gut er in Geheimhaltung war. Ja, dafür hätte er den höchsten Orden der Stasi verdient, für seine treuen Dienste im Sinne eines Staates und nicht im Sinne seiner Familie.
Das schwarze Loch unter  mir wurde immer tiefer und tiefer und ich fiel und fiel. Das Fallen wollte nicht aufhören. Wir begaben uns auf dem Weg nach Hause. Er redete und redete und ich weinte und weinte, hörte schon gar nicht mehr hin, bis er mich fragte, wieso ich denn weine. Darauf konnte und wollte ich nicht antworten und wir liefen schweigend nach Hause.
 
Zuhause angekommen, fragte ich meine Mutter, wieso sie mich so lange angelogen hat. Sie meinte nur, Schultern zuckend: „was sollten wir denn machen“. Ich rannte ins Kinderzimmer, schmiss mich auf mein Bett und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Sie betrat recht laut merklich das Kinderzimmer und schnauzte mich an, was ich denn da zu weinen hätte, ich solle mich nicht so haben und verließ das Zimmer mit den Worten, das ich gegenüber meinem Bruder zu schwiegen habe, da er die Wahrheit erst mit 18 erfahren soll, wie ich ja eigentlich auch, aber ich habe ja verbotener Weise in die Schatulle geschaut. Ich bekam also noch, auf dem Bett schluchzend liegend, Schuldgefühle eingeredet. Ich blieb Stunden im Zimmer, versuchte mich dann mit Musik abzulenken, bis sich die Tür wieder öffnete und es hieß ABENDBROT. Ich bekam keinen Bissen herunter. Die Stimmung war eiskalt. Mein Bruder, so unwissend, so unschuldig, wie ich noch Stunden zuvor, verstand die Situation natürlich nicht. Ich verließ den Abendbrottisch, ging in das Kinderzimmer und habe mich erst am nächsten Tag blicken lassen.
 
Wir mussten jeden Abend um 19.30 Uhr zu Hause sein, um die „aktuelle Kamera“, die DDR Abendnachrichten, zu sehen. Wir mussten höllisch aufpassen, denn wir wurden zwischendurch auch mal abgefragt, was wir gerade gesehen hätten, um zu prüfen, ob wir auch bei der Sache seien. Waren DDR Politiker in den Nachrichten zu sehen, wurden wir gefragt, wie sie heißen. Wussten wir das nicht, gab es verbale Schelte und Demütigungen. Auch meine Mutter blieb davon nicht verschont. Je nachdem, wie er drauf war, mussten wir uns dann im Anschluss seiner politischen Gehirnwäsche unterziehen. Er hatte ja die Verhörmethoden drauf, schließlich war er ja bei der Firma.
Gleichsam war es mit der DDR Hetzsendung „der schwarze Kanal“. Da ist ER ja zu Höchstformen aufgelaufen, wie gefährlich der imperialistische Feind aus der BRD sein und die DDR miss sich gegen den Kapitalismus wehen und wie wichtig es sei, dass ein jeder Genosse seine Pflicht für das sozialistische Vaterland tu erfüllen habe. Nur so könne man die DDR stärken. Das tragische ist, ich habe ihm genau das geglaubt. Genossen sind gute Menschen, die gutes für die DDR leisten.
Wenn wir mit Freunden im Kino waren, mussten wir danach unseren Eltern den Film erzählen, als Beweis, dass wir auch ja im Kino waren. Ich hatte die ganze Zeit im Kino vor diesem Bericht Angst, ich versuchte neben dem Sehen des Filmes, ihn mir auch gleichzeitig einzuprägen, um auch ja jede Passage erzählen zu können. Das dramatische jedoch war, dass ich eine so enorme Angst und Druck aufbaute, dass ich dann zu Hause einen BLACK OUT hatte und nichts mehr wusste. Meinem Bruder fiel dies leicht, daher hatte er auch nicht mit Sanktionen zu rechnen. Ich hingegen musste mit Bestrafungen rechnen, sei es mit Hausarbeit, Stubenarrest, Fernsehverbot oder zusätzliche Mathematikaufgaben und Diktate nach der Schule.
Die politische Gehirnwäsche meines Stiefvaters hatte dazu geführt, dass ich an seine Floskeln so sehr glaubte, Genossen können am Fortschritt und Wachstum der DDR mitwirken, war ich von diesen Möglichkeiten sehr fasziniert und sehr stolz darauf, dass Vater und Mutter Mitglied der SED waren. Ich glaubte Ihnen und stellte all das nicht in Frage.
Ich wollte von meiner Familie, speziell meines Stiefvater, anerkannt sein...also stellte ich den Antrag auf Beitritt in die SED, selbstverständlich in dem überzeugten Glauben, etwas mit-BEWIRKEN zu können. Dann der Schock: im 2. Lehrjahr mussten wir in die Produktion, die Brigadierin, eine Genossin, die, so wurde mir eingetrichtert, doch linientreu, im Sinne der DDR zu sein hat, hatte immer über den Westen gesprochen. Ein riesen Schock für mich, das habe ich nicht kapiert, der Meister ließ es zu, dass die ganze Brigade sogar Westradio hörten! Wieder Schock!!! Genossen tun doch so was nicht, hat man mir eingebläut!
Am nächsten Tag frage ich abends meinen Stiefvater: du hast doch gesagt, dass ....... aber im Betrieb, der Meister, die Brigadierin … tun das…. Ich erzählte alles bis ins Kleinste. Er fragte neugierig nach. Ich erzählte. Bis zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er bei der Stasi arbeitet.  Er gab mir keine Antwort! Ich habe zum ersten Mal keine Antwort von ihm erhalten, war er doch sonst immer so beflissen in seine Agitation. Ich wusste nicht mehr, wie mir geschieht. Am nächsten Tag blieb der Meister weg, auch den nächsten und nächsten und …. Wir sahen ihn nie wieder. Er sei schwer erkrank. Die Brigadierin begann mich zu mobben. Alle Kolleginnen haben mich ebenso gemobbt, weil sie nun kein Westradio mehr hören durften und sie wussten, wem sie das zu verdanken hatten.  Als ich dann mit 18 Jahren Parteimitglied wurde, eine Kündigung des Aufnahme Jahres war natürlich nicht möglich, denn das hätte harte Konsequenzen für die Karriereleiter meines  Stasivater zur Folge gehabt und so sah ich dann später zu, als ich dann meinen ersten Sohn gebar, ich wohnte damals dann schon in einem kleinen Ort, nahe Berlin, dass ich mich bei jeden kleinen Infekt des Kindes krankschreiben ließ. So wand ich mich um das, immer montags, nach Feierabend, stattfindende  Partei Lehrjahr im Betrieb und ebenso handhabte ich dies, so oft es nur irgend ging, mit den auch im Betrieb, auch nach Feierabend,  monatlich stattfindenden Parteiversammlungen.
Mit 14 Jahren durfte ich mit ihm ab und zu zum sonntäglichen Frühschoppen mitkommen. Ich war immer völlig aus dem Häuschen, denn ich liebte meinen Vater abgöttisch, den ich ja viel zu selten sah. Abends kam er meist gegen 19 Uhr nach Hause und samstags gegen 13 Uhr. Er war so klug, ein studierter Jurist und immer so liebevoll zu mir, von den Gehirnwäsche-Gesprächen mal abgesehen. Er hatte zwei Gesichter, dennoch war er mein Gott. Ich durfte dann, die sonst verbotene Cola trinken, alleine dafür liebte ich ihn, er trank sein Bier. Er fragte und fragte und ich stand Rede und Antwort. Ich war ja so glücklich, ihn für mich alleine zu haben. Er wollte Infos über Schüler, Lehrer und Freunde haben, ich freute mich, dass er an einem Leben interessiert war. Da ich zu dem Zeitpunkt ein äußerst gespanntes Verhältnis zu meiner Mutter hatte, fragte er mich auch zu ihr aus, was ich denn von ihr hielte. Ich kotzte mich aus. Im hohen Bogen. Ich war so froh, dass ich das alles endlich mal loswerden konnte und er hatte sooo viel Verständnis für mich. Jahre später, ich war 24, erzählte er mir, bei einen meiner Besuche mit meinen Söhne bei ihnen, dass er all die Gesprächsinhalte vom Frühschoppen damals, meiner Mutter erzählt hatte. Ich befand mich sofort im gleichen Gefühlszustand, wie damals mit 17! Der Boden tat sich unter mir auf und wieder hatten sie kein Verständnis für mich, für meine Wut auf sie nicht und meine Tränen nicht.
Nun sollte man meinen, dass es dazu keine Steigerung mehr gibt. Ha! Weit gefehlt.
Ich wurde ja nun von klein auf dazu getrimmt, darauf zu achten, dass meine Freundschaften auch kaderpolitisch zur Familie passen. So wurde mir von klein auf anerzogen,  gegen alles und jeden Misstrauen zu haben. Das hatte zur Folge, dass ich jedes Kind, das ich neu kennen lernte  nach seinem Fernsehverhalten befragte, ob es West-Pakete bekomme oder welch Klamotten es trug. Die konnte ich natürlich nicht so offen und direkt fragen, konnte und wollte ich mich ja nicht selbst verraten und mit den Jahren wurde ich immer geschickter im Ausspionieren. Ich hatte dann meinem Stiefvater Rede und Antwort zu stehen bzw. zu berichten und bekam dann einige Zeit später das o.k. von ihm, ob die Eltern des Kindes „sauber“ sind oder nicht. Wenn nicht, dann durfte ich das Kind ab da nicht mehr kennen und da war mein nächstes Problem: Wie sage ich es….. Es war so grauenvoll, all die Lügen, all die von den anderen erzwungenen Verletzungen. Dann gab es Gerda. Die fand ich toll. Die mochte ich so sehr. Von ihr konnte ich mich nicht verabschieden. Doch meine Eltern erwischten uns draußen beim Spielen. Meine Mutter schaute immer ganz gerne prüfend aus dem Fenster, um nach dem Rechten zu sehen…. Permanente KONTOLLE eben. Ab und zu traf ich mich noch heimlich mit Gerda, als mir dann die Bedrohungen meiner Eltern zu krass und heftig wurden „wir stecken Dich ins Heim, wenn du nicht das machst, was wir Dir sagen…“ dann ließ ich den Kontakt mit Gerda schmerzlich sein. Ich habe sie dann „einfach“ verbal verletzt, sodass auch sie keine Lust mehr auf mich hatte und sie dürfe sich sowieso nicht mehr mit mir treffen. Als Kind wusste ich natürlich nicht, was los war.

                                 ***

 
Um mal aufzuzeigen, wie sehr die Frauen der Stasi-Männer da perfide Spiel ihrer Männer  mitspielten, hier einen Einblick über das kranke, abhängige, Verhalten meine MUTTER:
Meine Mutter, eine angepasste Frau, tat, was der Karriere ihres Mannes gut tat und nicht im Wege stand. So stelle sie es auch nicht in Frage, dass sie zu Klassenfahrten, als Betreuerin, mitkam. Die anderen Kinder hatten sozusagen alle Eltern-frei, nur ich nicht. Auf Schritt und Tritt verfolgte sie mich; mit wem ich rede, was ich rede, wo ich hin wolle, wie lange, wieso. Ich wurde gehänselt und ausgelacht dafür, aber sie kannte kein Erbarmen. Sie war immer dabei. So war das auch täglich der Fall. Sie arbeitete nur halbtags. Es hieß, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nur sechs Stunden arbeiten könne. Heute hege ich den Verdacht, dass auch dies eine Lüge gewesen sein muss, denn so hatte sie uns schön unter Kontrolle. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, war Mutti schon da. Hat das genervt! Ich konnte nie nachverfolgen, wieso meine Mitschüler so freudig nach Hause rannten oder eher doch, hatten sie ja meist bis nachmittags sturmfrei. Ein Gefühl, das ich nicht kenne. Mein Schulweg, der circa zehn Minuten dauerte, zog sich meist in die doppelte Länge, so sehr stank es mir, dass SIE eh wieder zu Hause ist und ich nicht alleine mit mir sein könne oder maaal heimlich eine Freundin mit aufs Zimmer nehmen könnte. Die einzigen Mädels, die sie mir als Freundinnen gestatten, waren Anja, Michaela und Gertrud. Bei Anja waren sie so gar nicht dagegen, da ihr Vater ja auch bei der Stasi war (wie alle Väter im Eingang). Anja und Familie wohnten im fünften Stock, wir im ersten. Es war das letzte Haus der Siedlung. Im vierten Stock wohnte ein wichtiger Mensch aus dem Rat des Kreises und somit wohnten in dem Haus auch lauter Stasi-Familien. Anja erzählte offen herum, dass ihr Vater bei der Stasi sei, was mich immer so verwunderte wie offen sie das tat. War das nicht eigentlich ein Geheimnis? Ich war circa vierzehn, als ich mir diese Frage stellte und ihr auch. Sie verneinte immer, ihr Vater habe nichts dagegen. Später dann wurden ihn seitens seiner Dienststelle Veruntreuung der Parteikasse angelastet und wurde in Unehren entlassen und die Familie zog in eine andere Stadt. Somit war damit meine beste Vertraute nicht mehr da. Ein äußerst schmerzlicher Verlust. Ich beneidete sie, weil sie so offen, frei und herzlich in ihrer Familie aufwuchs. Ich mochte ihren Vater, er war so lustig, sehr gütig und sagte, was er dachte. Das gefiel mir, unausgesprochen natürlich, gut. Wenn Michaels und Gertruds Familien mal Westbesuch bekamen, musste der Kontakt zu ihnen heimlich erfolgen. Offiziell hatte ich Kontaktverbot. Ich wurde natürlich, je älter ich wurde, immer „mutiger“ und mutierte hier und da. Zurück zu meiner halbtags arbeitenden Mutter. Sie war also da. Immer. Wenn ich spät kam, weil ich ja bummelte, aus Angst vor ihrer schlechten Laune oder ihren Ohrfeigen. Diese gab es immer, wenn ich schlechte Zensuren mit nach Hause brachte und das passierte oft. Ich habe so enorme Versagensängste in der Schule, dass ich mich nie richtig konzentrieren konnte, da die Angst mir im Nacken saß. Mathe war grauenvoll. Heute weiß ich, dass ich eine Rechenschwäche hatte, aber damals. Also gab es Ohrfeigen, wenn sie mich mit ihrem Kommandoton aufforderte die Klassenarbeit vorzuzeigen. Was mir aber völlig schleierhaft war, ist die Tatsache, wieso ich von einer Frau für ein schlechtes Diktat Ohrfeigen bekam, die selbst nur schwer lesen und schreiben konnte. Dies konnte ich natürlich nicht äußern, denn ich wollte weder im Heim landen, noch wochenlangen Stubenarrest bekommen. Ich weinte, denn die Ohrfeigen hinterließen nicht nur Schmerzen in meinem Gesicht, sondern auch ihre fünf Finger, so stark schlug sie zu. Sie gab mir dann den Befehl, mit sehr strengen und angst einflößenden Blick, dass ich die Klassenarbeit unaufgefordert und unverzüglich meinem Vater vorzulegen habe. Ich tat wie mir befolgen, denn ich wollte nicht ins HEIM.
So könnte ich noch viele traurige, denunzierende, demütigende Geschichten erzählen.
 
 
 

Oktober 2013: ((PS: * ich habe meinen Peinigern vergeben *, sie haben sich nie mit mir persönlich auseinandergesetzt, das Gefühl der Vergebung war einfach da - diese Leute tun mir im Gegenteil sogar leid, weil sie nie ihr eigenes Leben lebten, sondern das der Anderen und vor meiner menschlichen Stärke Angst haben und ihr Versuch mir Schuldgefühle anzuschwatzen, bei mir abprallen))


Sie sind Besucher Nr.

Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!